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„Ich lag nächtelang wach, konnte aber keinen Grund dafür finden“, erinnert sich Maria K. In solchen Momenten scheint sich die Dunkelheit endlos zu dehnen. Das Bett wird zur Arena. Und der eigene Kopf zum größten Gegner. Ein Gefühl, das in Deutschland rund sechs Millionen Menschen kennen: Sie haben Schlafstörungen. [1]
Das Fatale: Der nächtliche Kampf endet nicht im Morgengrauen. Denn ohne Erholung wird die Müdigkeit zum Dauerzustand. „Das Gefühl der Isolation und Überforderung war erdrückend“, erzählt Maria, und weiter: „Ich war nah am Wasser gebaut.“ Nicht aus Trauer oder Sentimentalität, sondern weil die Nerven blank liegen. Selbst kleine Aufgaben werden zu großen. Der Schlafmangel legt sich wie ein Schatten über den Tag.
Wenn Schlafmangel zur Krankheit wird
Etwa ein halbes Jahr lang kämpft Maria fast täglich mit schlaflosen Nächten. Damit erfüllt sie die Kriterien für eine Chronische Schlafstörung, medizinisch auch Chronische Insomnie genannt. Die Medizin spricht von einer Chronischen Schlafstörung, wenn Betroffene über mindestens drei Monate hinweg an mehreren Tagen pro Woche Schwierigkeiten mit dem Ein- oder Durchschlafen haben. Hinzu kommt, dass die Schlafprobleme den Alltag spürbar belasten, weil sie das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit einschränken. [2,3]
Selbsttest: Haben Sie eine Chronische Schlafstörung?
Eine Chronische Schlafstörung liegt vor, wenn alle vier Punkte zutreffen:
☐ Sie haben Schwierigkeiten beim Ein- und/oder Durchschlafen und/oder Sie wachen regelmäßig zu früh auf.
☐ Diese Probleme treten an drei oder mehr Tagen pro Woche auf.
☐ Ihre Beschwerden halten bereits seit mindestens 3 Monaten an.
☐ Ihr Schlafmangel beeinträchtigt Ihre Leistungsfähigkeit und Aktivitäten während des Tages.
Maria erfüllt alle Kriterien. Doch statt gleich zum Arzt zu gehen, sucht sie zunächst selbst nach Lösungen. Sie verzichtet zum Beispiel auf Koffein und powert sich tagsüber beim Sport aus, um abends wirklich müde zu sein. Damit macht sie laut der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) bereits vieles richtig. Zusätzlich empfiehlt die Fachgesellschaft einige Routinen für besseren Schlaf zu beachten [4]:
Fünf einfache Tipps, um besser zu schlafen:
• Stehen Sie jeden Tag zur gleichen Zeit auf.
• Gehen Sie nur dann ins Bett, wenn Sie wirklich schläfrig sind.
• Vermeiden Sie späte, schwere Mahlzeiten.
• Reduzieren Sie Ihren Alkoholkonsum und rauchen Sie nicht kurz vor dem Schlafen.
• Notieren Sie belastende Gedanken oder Aufgaben vor dem Schlafengehen. Das entlastet Ihren Kopf.
Bei einer Chronischen Schlafstörung reicht das jedoch oft nicht. Studien zeigen: In Deutschland haben bis zu 8,7 Prozent der Erwachsenen [5,6] eine Chronische Schlafstörung, die ärztlich behandelt werden sollte. Doch viele von ihnen bleiben lange ohne ärztliche Betreuung: Über 70 Prozent länger als ein Jahr, fast die Hälfte sogar länger als drei Jahre. [7] Manche unterschätzen das Problem, andere schämen sich oder glauben, sie müssten einfach nur geduldiger sein. Wenn sie sich dann doch endlich Hilfe suchen, führt der Weg oft zu Spezialisten wie Dr. Stefan Ries, Facharzt für Neurologie. Im Neuro Centrum Odenwald behandelt er Patientinnen und Patienten mit Chronischer Schlafstörung.
Wer bei Schlafproblemen hilft
Der Neurologe rät, sich möglichst früh Unterstützung zu holen: „Wenn Patienten sich schon tagsüber sorgen, wieder nicht ein- oder durchschlafen zu können, ist der Zeitpunkt gekommen“, sagt Ries. Erste Anlaufstelle ist in der Regel der/die Hausärzt:in. Je nach Ursache können auch unterschiedliche Fachärzt:innen helfen. Beim Syndrom der unruhigen Beine (Restless-Legs-Syndrom) sind zum Beispiel Neurolog:innen die richtigen Ansprechpartner:innen, während Psychiater:innen oder Psychotherapeut:innen unterstützen, wenn Stress oder Ängste den Schlaf stören. Lungen-Spezialist:innen, die Pneumolog:innen, oder HNO-Ärzt:innen kommen ins Spiel, wenn Atemstörungen wie Schlafapnoe oder starkes Schnarchen den Schlaf beeinträchtigen.
Wie die Diagnose gestellt wird
Die Diagnose stützt sich vor allem auf die Anamnese, also das ausführliche Patientengespräch. Dabei geht es um Fragen wie: Wann gehen Sie ins Bett? Was passiert vor dem Einschlafen? Wie lange schlafen Sie? Wie sieht Ihre Schlafumgebung aus? Ganz entscheidend für Ries ist die Frage: Schränkt der Schlafmangel Ihren Alltag ein? Wenn tagsüber die Leistungsfähigkeit leidet, sollte aus Sicht des Neurologen immer gehandelt werden. Nicht nur, um akut zu helfen, sondern auch, um langfristige Folgen zu vermeiden.
Denn eine Chronische Schlafstörung belastet Körper und Geist. Sie kann das Immunsystem schwächen und das Risiko für Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck oder Herzinfarkt erhöhen. Auch die psychische Belastung ist hoch. Depression und Angstzustände treten häufiger auf. [2] Erholsamer Schlaf ist also keine nette Nebensache. Er ist lebenswichtig.
Man kann Schlaf nicht wollen. Denn wenn Sie unbedingt schlafen wollen, spannen Sie alles an, was Sie nicht anspannen sollten. Und alles, was dann passiert ist, dass Sie nicht einschlafen.
Wie Schlafstörungen behandelt werden
Die gute Nachricht: Schlafstörungen lassen sich behandeln. Die Leitlinien zur Behandlung empfehlen als erste Therapie die Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I). Sie setzt bei den Gedanken und Gewohnheiten rund ums Ein- und Durchschlafen an. Ziel ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Patientinnen und Patienten lernen zum Beispiel, feste Schlafzeiten einzuhalten, das Bett wieder mit Ruhe statt mit Grübeln zu verbinden und Strategien zur Entspannung zu entwickeln. Sie erfordert jedoch Eigeninitiative und ist aufgrund begrenzter Therapieplätze und qualifizierter Therapeut:innen nicht für alle zugänglich. [8,9]
Viele Menschen mit Schlafproblemen probieren auch pflanzliche Schlafmittel aus, etwa Baldrian, Passionsblume, Melisse oder Hopfen. Sie sind rezeptfrei in Apotheken, Drogerien und Supermärkten erhältlich – und sie werden häufig gekauft. Einer aktuellen Umfrage der gesetzlichen Krankenkasse Pronova BKK aus dem Jahr 2025 zufolge, greifen 29 % der Befragten zu den Mitteln. [10] Der Mediziner Ries ergänzt: „Diese Substanzen sind nicht wissenschaftlich untersucht.“ Er hält es für möglich, dass Pflanzen eine Wirkung zeigen, häufig spiele aber auch der Placebo-Effekt eine Rolle – also die Erwartung, dass die Mittel helfen. Sein Rat: Rezeptfreie Präparate nur ergänzend zu anderen Maßnahmen einsetzen.
Dazu zählen unter anderem Tipps für eine gute Schlafhygiene, also Gewohnheiten, die den Schlaf gezielt fördern. Gut ist zum Beispiel, abends das Handy beiseitezulegen, das Schlafzimmer zu verdunkeln und regelmäßige Schlafenszeiten einzuhalten. Auch Bewegung am Tag kann nachts den Schlaf verbessern: Studien zeigen, dass besonders sanfte Sportarten wie Tai Chi den Schlaf fördern. [11]
Wenn Medikamente nötig sind
Manchmal reichen Verhaltenstherapie und Veränderungen im Alltag nicht aus. Dann können verschreibungspflichtige Medikamente zum Einsatz kommen. Der Neurologe Ries beobachtet hier eine moderne Entwicklung: Statt Medikamente, die einfach nur müde machen, gibt es inzwischen auch Präparate, die gezielt die Weckimpulse dämpfen. Diese zielgerichteten Therapieansätze mit einem modernen Wirkmechanismus sind speziell für die Langzeitbehandlung zugelassen.
Für Maria waren es am Ende Medikamente, die ihren nächtlichen Kampf beendeten: „Ich werde nie vergessen, wie es sich anfühlte, nach so langer Zeit wieder Energie zu haben.“ Schlaf ist keine Nebensache, sondern eine Grundvoraussetzung für ein ausgewogenes Leben. Wer dauerhaft unter Schlafproblemen leidet, sollte die eigene Situation ernst nehmen. Heute stehen vielfältige Möglichkeiten zur Verfügung, um Schlafstörungen gezielt anzugehen. Deshalb gilt: Bei einer Chronischen Schlafstörung ist es wichtig, aktiv zu werden und ärztlichen Rat einzuholen. Denn ein Gespräch mit dem/der Ärzt:in ist der erste Schritt, um gemeinsam eine individuelle Behandlung zu finden.
Für weitere Informationen besuchen Sie www.schlafstoerungen-neu-denken.de.
DE-DA-01048
Quellen
[1] Online-Information Deutsches Ärzteblatt: www.aerzteblatt.de; Abruf: 30.09.2025
[2] Leitlinie: Insomnie bei Erwachsenen (Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM)); Stand: 2025
[3] Online-Information Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: www.bfarm.de; Abruf: 30.09.2025
[4] Online-Informationen Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin: www.dgsm.de; Abruf: 30.09.2025
[5] Kantar Health Report – NHWS 2020
[6] Baglioni C, et al. J Sleep Res. 2020
[7] Pressemeldung Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin: DGSM-Aktionstag Erholsamer Schlaf: „Einfach schlafen!“ ist gar nicht so leicht; 21.06.2023
[8] Anderson KN, J Thorac Dis. 2018; 10(Suppl 1): S94–S102;
[9] Thomas A et al., Behav Sleep Med. 2016;14(6):687-698.
[10] Pressemeldung Provnovia BKK: 39 % der Deutschen nehmen Medikamente und Supplements für einen besseren Schlaf; 20.01.2025
[11] Han D et al., Effectiveness of Taijiquan in treating insomnia: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled studies, 2022; 10.3389/fpsyt.2022.892453